Allerweltsheim

Entschuldigen Sie, ich wollte eigentlich einen Blog über die letzte Lesereise schreiben, aber mein Kind hat gerade einen Tobsuchtsanfall, weil es nicht auf der Asphaltstraße krabbeln darf.
Ich wollte berichten, wie ich mir in meinen Turnschuhen in der Schweiz meine Füße löchrig lief wie einen einheimischen Käse, und wie ich eine Fußblutspur in allen Hotelbetten hinterließ. Ich wollte von Förster Bruno erzählen, der beim Autorentreff sein pädagogisches kein-Müll-im-Wald-Buch vorstellte und zu den Bildern von emsigen Zwergen und grinsenden Käfern leise Sphärenklänge abspielte, bei denen sein langes Haar und sein wallender Bart rhythmisch wehten.
Ich wollte – aber da kommt mein Kind durchs hohe Gras angekrabbelt, und jetzt wird es gleich wieder unglücklich werden, weil es den Computer nicht benutzen darf.
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Es durfte den Computer doch benutzen.
Wenn es jetzt nicht gleich bittere Tränen weint, weil es meine Teetasse nicht haben kann, erzähle ich wenigstens vom schönen Welzheim. Wenn Sie noch einen Urlaubsort suchen – Welzheim it is! Malerisch gelegen am Limes (den zu besichtigen mir trotz der vielen Schilder nicht gelungen ist, da ich, egal, welchem Schild ich folgte, immer bei einem fünfstöckigen Altenheim herauskam) – also, malerisch gelegen am Limes bietet Welzheim dem Urlauber einfach alles. Zunächst das lokale Wetter: Welzheim befindet sich in einer eigenen Klimazone, in der stets ein erfrischender Dauerregen fällt. Dann die Fülle von Hotels: Das einzige offene Hotel war zwar gar nicht offen, weil es Ruhetag hatte, aber die Hintertür stand offen und man legte mir den Schlüssel dort auf eine Theke. Es lagen mehrere Schlüssel dort, ich suchte mir den schönsten aus und legte ihn brav jedesmal, wenn ich wegging, wieder dorthin, damit zufällig vorbeikommende Touristen in meinem Zimmer Zuflucht vor dem Regen suchen konnten. Dann die ausgedehnte Gastronomie: Bei meiner Ankunft nach 20 Uhr fand ich noch einen offenen Dönerladen, in dem man mir ein gebrauchtes vegetarisches Käsebrötchen mit viel Fleisch verkaufte. Angesichts des anheimelnden Regens erkundigte ich mich nach tröstenden alkoholischen Getränken, und die freundliche Ladenbesitzerin holte mit Verschwörermiene die harten Drogen unter dem Tisch hervor. „Das ist lokaler Rosé“, sagte sie und reichte mir eine Flasche. „Wird gerne zu Sprite genommen. In der Kombination soll man ihn trinken können.“ Ohne die Sprite verkaufte sie ihn nicht.
Der Welzheimer an sich ist übrigens ein sehr ordentlicher Mensch, nicht nur was Ladenschließzeiten und Verkaufsethos angeht. Vor der Lesung am nächsten Tag maß der Hausmeister mit einem Zollstock akkurat die Abstände der Stühle aus. Da es an die hundert Stühle waren, dauerte das etwas, es machte aber nichts, denn draußen regnete es ja sowieso, und nach der Lesung bekam ich vom Direktor eine Flasche geschenkt, an der ein kleines Päckchen hing. Beim Öffnen im Hotel (ich suchte mir diesmal einen anderen Schlüssel und ein anderes Zimmer aus) stellte sich heraus, dass die Flasche natürlich lokalen Rosé enthielt, aber in dem Päckchen, dachte ich, wären sicherlich Pralinen … nein. Seife. Hätte ich mich vor der Lesung gründlicher waschen sollen? Oder ist es ein Welzheimer Brauch, Besuchern Seife zu schenken, damit sie sich damit in den Regen stellen können, statt zu duschen? Essbar war die Seife leider nicht, und Restaurants und Geschäfte hatten auch tagsüber alle geschlossen. Die freundliche Buchhändlerin empfahl mir das Café am See, malerisch gelegen – und die Tür stand offen! Hoffnungsfroh (und nass) trat ich ein und wurde von einem Baby angebrüllt, dessen Mutter gleichzeitig das Baby anbrüllte, mich sah und sagte: „Wir haben geschlossen.“
Das einzige, was offen hatte, war das fünfstöckige Altenheim, da gab es Erdbeereis mit Sahne, aber nur für Angehörige der Insassen, ich meine: Bewohner.
Abends bei der Lesung ging einer der Welzheimer in der Pause – ein junger, sehr emotional wirkender Mann, - da ihm die Lesung zu emotional war. Ich glaube, in Wirklichkeit störte ihn mein Magenknurren. Nach der Lesung hatte dann zwar alles schon zu, aber ich bekam Käsebrote bei einer netten Zuhörerin zu Hause. Bei meiner Abfahrt am nächsten Tag schneite es in dichten Flocken auf die blühenden Mai-Bäume. Das Fahrkartenhäuschen hatte noch zu ...
Ja, dies alles hätte ich vielleicht erzählt, würde nicht mein Kind jetzt gerade wieder auf die Asphaltstraße zu krabbeln. Es will nicht etwa über die Straße (drüben ist ja nichts. Bloß langweilige Natur), es will auf der Straße entlang krabbeln. Krabbeln im weißen Strandsand? Krabbeln im Gras? Krabbeln auf Waldmoos? Langweilig. Dieses Kind will Asphalt. Und es träumt von Großem, ich sehe es in seinen Augen leuchten. Es träumt von der A 20.
Ich gehe es besser einfangen. Sonst krabbelt es noch auf der Überholspur nach Welzheim, und ein allzulanger Aufenthalt dort ist sicherlich gefährlicher als die Autobahn.
Den malerischen Welzheimer See habe ich übrigens nie gefunden. Dafür einen Friedhof mit lauter ganz neuen Holzkreuzen. „Wie kommt es, dass in den letzten Jahren so viele Welzheimer gestorben sind? Sind die erfroren oder verhungert, weil ständig alles zu hat?“, fragte ich alarmiert den Friedhofswärter. „Das waren keine Welzheimer“, sagte er. „Das waren Autoren, die in der Buchhandlung hier gelesen haben.“